Oktober 2017: Grußwort des Landesvorsitzenden Ulrich Heintz

Meine sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde im NABU

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, die Engagierten im Naturschutz aufzurufen, die Erfolge, die es dabei zweifelsfrei gibt, in den Vordergrund zu stellen, möchte ich heute mit der Botschaft beginnen, die aktuell prominent in den Medien zu lesen, hören und zu sehen war:

  • Rückgang der Insektenbiomasse in Deutschland um bis zu 75 %.

Eine Artengruppe, die aufgrund ihrer Anpassungsfähigkeit und Reproduktionsbiologie als scheinbar „unverwundbar“ in unserer Wahrnehmung eingestuft wird, verzeichnet dramatische Rückgänge der Biomasse und Vielfalt. Weiterhin bemerkenswert an diesem Befund ist aber auch die Tatsache, dass diese Verlustrate nicht, wie zumeist, nur seltene Arten betrifft, sondern die gesamte Insektenwelt.

Und (!), diese Rückgänge, die alle Offenlandbiotope der verschiedensten untersuchten Standorte in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg betreffen, wurden in Schutzgebieten festgestellt. Allerdings wiesen 90 % der Untersuchungsflächen auch im Umfeld intensive Landwirtschaft auf. Äußere Einflüsse wie Nährstoff- und Pestizideinträge legen die Vermutung mehr als nahe, dass hierdurch der Erhaltungszustand vieler Schutzgebiete massiv beeinträchtigt wird.

Auf eine weitere „Besonderheit“ möchte in diesem Zusammenhang aber ebenfalls zu sprechen kommen, weil sie leider allzu selbstverständlich geworden ist: die Untersuchungen wurden nicht etwa von staatlichen oder freien universitären Einrichtungen durchgeführt, sondern vom Entomologischen Arbeitskreis Krefeld, einem Zusammenschluss ehrenamtlich tätiger Artenkenner, die ihre Freizeit und ihr Fachwissen einbringen, um Daten über unser aller Lebensgrundlagen zu erfassen.

Dies führt uns zu einem zweiten Problemkreis, nämlich dem , dass

  1. solche Artenkenner inzwischen ebenso auf eine Rote Liste gehören wie ihre geliebten Untersuchungsobjekte und
  2. sich der Staat  offensichtlich zunehmend glaubt, es sich leisten zu können, wissenschaftliche Untersuchungen nicht mehr selbst unabhängige Einrichtungen mit wissenschaftliche Untersuchungen beauftragen zu müssen, sondern es lieber dem Zufall ehrenamtlichen Datensammelns überlässt.

Eine ungute Parallele hierzu waren auch die Umstände, die den Stein des Dieselabgasskandals ins Rollen brachten. Auch hier waren es keine staatlichen oder im Auftrag des Staates handelende Forscher, sondern eine Nicht-Regierungsorganisation, der „International Council for clean Transportation“, der die amerikanischen Behörden auf die Missstände aufmerksam machte. Der erst deutlich später bei uns in diesem Zusammenhang stattfindende „Diesel-Gipfel“, der seinen Namen m.E. nur deshalb verdient, weil er in der Peinlichkeit gipfelte, dass sich Vertreter der Bundesregierung (und damit vor allem der vor gesundheitlichen Schäden zu bewahrenden Bevölkerung) von Vertretern der Automobilindustrie vorrechnen ließen oder wollten, wie viel NOX-Reduzierung durch ein Software-Update zu erwarten sei und wie viel nicht. Offenbar vertraute man diesen Prognosen lieber als denen unabhängiger, eigener Experten.

Zweite Hiobsbotschaft der Woche: die Zahl der Vögel geht in Deutschland ebenfalls spür- und hörbar zurück! Binnen 12 Jahren „fehlen“ gemäß Daten im Rahmen von Bestandsmeldungen der Bundesregierung an die EU 12,7 Mio. Brutpaare. Allein beim „Vogel des Jahres 2018“, dem Star, geht man von rund 2,6 Mio. Brutpaaren weniger aus.

Insektenrückgänge spielen sicher auch hier eine wichtige Rolle, denn fast alle Arten sind bei der Fütterung ihrer Jungtier auf Insekten angewiesen, aber ebenso wirken Fang und Bejagung von Vögeln innerhalb der EU und Nordafrikas sich leider immer noch in unvorstellbar großer Zahl aus.

Als wären nicht schon genug aktuelle schlechte Nachrichten aus dem Umweltbereich von mir gelistet, möchte ich dennoch, aus Gründen der unmittelbaren Betroffenheit der Menschen, eine letzte Nachricht von gestern aufführen: in Deutschland sterben jährlich zwischen 40 000 und 50 000 Menschen frühzeitig an Ursachen der immer noch vorhandenen Umweltverschmutzungen.

Vielleicht macht am Ende besonders diese Nachricht deutlich, dass Umwelt- und Naturschutz keine Luxusbeschäftigung einer wohlhabenden Gesellschaft darstellen, sondern zwingend erforderliche Fragen aufwerfen, die sich Politik und Gesellschaft täglich stellen im Sinne der eigenen Daseinsvorsorge stellen sollten.

Maßstab für die zu ergreifenden Maßnahmen muss aber auch wieder die unabhängige Erforschung der Zusammenhänge innerhalb des Ökosystems sein und nicht Forderungen von noch so klug agierenden Lobbyisten.

Dies gilt genauso für die gerade wieder im Saarland aufkommende Diskussion über die angeblich erforderliche Reduktion von Beutegreifern oder Fisch fressenden Vögeln durch die Jagd.

Zusammenfassend geht meines Erachtens aus den zitierten Phänomenen klar hervor, dass wir zeitnah folgende Aufgaben bewältigen müssen:

  • Ein bundesweites, unabhängiges Insekten- und Vogelmonitoring , verbunden mit Ursachenforschung über die Rückgänge
  • Umsteuern bei den zukünftigen Agrarsubventionen. Dabei geh es nicht zwingend um weniger als vielmehr um gezielter in Richtung Erhalt von Bodenfruchtbarkeit, sauberem Wasser und Biodiversität. Dabei könnten gerade saarländische Landwirte durchaus zu den Gewinnern zählen.
  • Deutlich größere Anstrengungen als bisher zum Erhalt der Qualität unserer Schutzgebiete. Dazu wird mehr Geld für Personal, Maßnahmen und weniger Bürokratie bei der Auftragsvergabe von Pflegeleistungen vonnöten sein.

Zu guter Letzt aber auch eine positive Nachricht: der NABU Saarland wächst weiter und wir begrüßen gleich unser 19 000-tes Mitglied, für mich auch ein Zeichen der Hoffnung, dass nämlich immer mehr Menschen erkennen, dass zivilgesellschaftliches Engagement, gleich welcher Art, gerade aber auch im Natur- und Umweltschutz vonnöten sein wird, wenn wichtige Weichenstellungen für unsere Zukunft nicht nur am Profit, sondern an der Qualität unserer Lebensgrundlagen ausgerichtet sein müssen.

Wenn dann noch die Freude und Begeisterung an der Natur und ihrer Vielfalt, Schönheit und Erhabenheit zwangsläufig dazu kommt, bin ich mir sicher, dass wir es schaffen können, auch scheinbar unlösbare Aufgaben erfolgreich anzupacken und negative Entwicklungen mit Ihrer Hilfe auch wieder zurück zu drehen.

Ich danke Euch nicht nur für Eure Aufmerksamkeit, sondern vor allem für Euer Engagement!!

Lebach, im Oktober 2017
Ihr Ulrich Heintz, Landesvorsitzender NABU Saarland